* Startseite     * Über...     * Archiv     * Gästebuch     * Kontakt



* Themen
     Gelebt
     Gedacht

* mehr
     Music
     Philo






Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang:  der Blues, die Badener Bahn, Ergonautische Winterreise..




18.1.07 22:28


Werbung


Der Trafikant in Zivil

Wer den Trafikanten abseits seines natürlichen Lebensraumes antrifft, sei es in der Badener Bahn oder gar im Aufzug, bezieht daraus genügend Inspiration um es gedanklich mühelos, sagen wir, von der Josefstadt bis nach Siebenhirten zu bringen.  Mit einem beiläufigen „Guten Morgen“ überantwortet er uns einem daimonischen Schauer vager Empfindungen und provoziert das Durchlaufen eines Panoptikums bekannter Gesichter. Solange das Gefühl der befreienden Evidenz sich nicht einstellt, bleibt er damit gleichsam ein Trafikant in statu nascendi. Wir wollen ihm dafür dankbar sein und ihm den Ehrentitel eines ontologischen Guerillieros zusprechen. Denn einmal enttarnt, können wir nicht umhin, auch die geheimnisvolle Weise seines Hervorgehens aus dem gespenstischen Nebel unserer Assoziationen zu bedenken – und damit kämen wir, theoretisch wenigstens, sogar bis nach Baden.

26.1.07 23:20


Vom An- und Ablegen im Kaffeehaus

Manchen haben wir schon verhalten beobachtet – über einen langen Nachmittag im Kaffehaus hin, und haben es erst in den Augenblicken seines Ankleidens gewagt, ihn unverwandt, ja geradezu schamlos zu betrachten. Das scheint übrigens nicht nur entschuldbar, sondern sogar unser gutes Recht zu sein. Der Blick gewinnt dabei etwas Maßnehmendes – wir werden schließlich Zeugen einer Verwandlung. Man rückt sich zurecht, arrangiert die notwendigen Accessoires und bemüht sich redlich, um die Restauration der Erscheinung, die man dem geneigten Publikum beim Verlassen des Hauses zugedacht hatte. Man wechselt sozusagen ins je adäquate Bühnentrikot.

Der Sich-Ankleidende verfällt demgemäß während seiner profanen Verrichtungen ganz in den Modus der selbstgenügsamen Betriebsamkeit – er nestelt an sich herum und enthält sich meist schamvoll aller zu offenen Mimik. Wir wären alle gerne ein fertiger Schmetterling – den Rock schon ab ovo geknöpft, voll adjustiert sozusagen..

Sind wir übrigens der/dem Scheidenden über eine stille Kaffehausromanze verbunden, dürfen wir erst nach dem vollständigen Ende dieser Prozedur auf den ersehnten Abschiedsblick hoffen. Unsere heimlichen Alltagsromantizismen zeigen sich nämlich mit Recht gegen jede Brachialität empfindlich.

Der rituelle Ernst, die relative Hast und die schwebende Unsicherheit, die all das Zupfen und bei Fuß nehmen der Schirme begleiten, mag auch ein wenig vom schlechten Gewissen aller Reisenden rühren. An- und Ablegen im Kaffehaus haben wenigstens den Charakter eines Rite du Passage. Sie charakterisieren den Wechselverkehr, zwischen der Welt des geordneten Müßigganges und der Ordnung weltlicher Verrichtung, die einer vollständig angelegten Zivilkleidung immer anhaftet. Die Homogeneität des Mediums, von den planvollen Müßiggängern im selben Maße hervorgebracht, wie sie sich selbst ihm verdanken, erfährt eine kalkulierte Irritation – und mit der nötigen Spitzfindigkeit ließe sich sagen, es liege ein paradigmatisches Moment existenzieller Dialektik im Aufgehoben-Sein der Betriebsamkeit in den Blicken der schon oder noch Initiierten, die dem Ankommen und Scheiden des Kaffeehausgastes eine Bühne bereiten. Am Ende werden wir uns alle anziehen müssen.. Jeder Bürokaufmann ein Odysseus, jeder Aufbruch eine mythische Individuation – oder wenigstens eine Operette..

27.1.07 00:51


noch mehr kaffeehausquatsch..

W. Benjamin hat uns ein schönes Stück über den Feigenfraß hinterlassen – es handelt von den Ambivalenzen des erotischen Obstrausches, von Geilheit, Gier und Übersättigung – kurz von den bekannten Konstituenten des gastronomischen Rotlichbezirkes, dem ein Deutscher in mediterranen Gefielden wohl leicht verfallen mag.. Unsereins muß sich, in einer Klimazone gestrandet, in der es schon weh tut nur vor die Tür zu gehen, mit dem mehlspeistechnischen Analogon zum coitus interruptus begnügen. Ich denke dabei etwa an die landesübliche Sachertorte – und im Speziellen an jene, die man in der Aida vorgesetzt bekommt. Man folgt dort generell den Idealen gemäßigter Selbstzucht - der Schriftzug bereits das rezente „meden agan“ örtlicher Tortenkultur. Eher ein harmloses Anmierlokal, ohne die garstigen Separees, in denen Benjamins Feigen beheimatet sind. Das beginnt schon bei der üblichen Keilform der Mehlspeis, durch die sich ein indirekt proportionales Verhältnis von Portionsgröße und –quantum ergibt: je weniger Torte, desto größer das aufgespießte Stückl. Das entspricht bereits von der Anlage her eher einem scholastischen Zugang: quasi negative Theologie und ein Mehlspeisgott, der mit zunehmender Abwesenheit an Präsenz gewinnt. Freud hat übrigens den coitus interruptus für den Ursprung der neurotischen Angst gehalten.. – ich meine dagegen, man sollte über den Winter wenigstens nach Italien ziehen.

 


 

28.1.07 23:27





Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung