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Vom An- und Ablegen im Kaffeehaus

Manchen haben wir schon verhalten beobachtet – über einen langen Nachmittag im Kaffehaus hin, und haben es erst in den Augenblicken seines Ankleidens gewagt, ihn unverwandt, ja geradezu schamlos zu betrachten. Das scheint übrigens nicht nur entschuldbar, sondern sogar unser gutes Recht zu sein. Der Blick gewinnt dabei etwas Maßnehmendes – wir werden schließlich Zeugen einer Verwandlung. Man rückt sich zurecht, arrangiert die notwendigen Accessoires und bemüht sich redlich, um die Restauration der Erscheinung, die man dem geneigten Publikum beim Verlassen des Hauses zugedacht hatte. Man wechselt sozusagen ins je adäquate Bühnentrikot.

Der Sich-Ankleidende verfällt demgemäß während seiner profanen Verrichtungen ganz in den Modus der selbstgenügsamen Betriebsamkeit – er nestelt an sich herum und enthält sich meist schamvoll aller zu offenen Mimik. Wir wären alle gerne ein fertiger Schmetterling – den Rock schon ab ovo geknöpft, voll adjustiert sozusagen..

Sind wir übrigens der/dem Scheidenden über eine stille Kaffehausromanze verbunden, dürfen wir erst nach dem vollständigen Ende dieser Prozedur auf den ersehnten Abschiedsblick hoffen. Unsere heimlichen Alltagsromantizismen zeigen sich nämlich mit Recht gegen jede Brachialität empfindlich.

Der rituelle Ernst, die relative Hast und die schwebende Unsicherheit, die all das Zupfen und bei Fuß nehmen der Schirme begleiten, mag auch ein wenig vom schlechten Gewissen aller Reisenden rühren. An- und Ablegen im Kaffehaus haben wenigstens den Charakter eines Rite du Passage. Sie charakterisieren den Wechselverkehr, zwischen der Welt des geordneten Müßigganges und der Ordnung weltlicher Verrichtung, die einer vollständig angelegten Zivilkleidung immer anhaftet. Die Homogeneität des Mediums, von den planvollen Müßiggängern im selben Maße hervorgebracht, wie sie sich selbst ihm verdanken, erfährt eine kalkulierte Irritation – und mit der nötigen Spitzfindigkeit ließe sich sagen, es liege ein paradigmatisches Moment existenzieller Dialektik im Aufgehoben-Sein der Betriebsamkeit in den Blicken der schon oder noch Initiierten, die dem Ankommen und Scheiden des Kaffeehausgastes eine Bühne bereiten. Am Ende werden wir uns alle anziehen müssen.. Jeder Bürokaufmann ein Odysseus, jeder Aufbruch eine mythische Individuation – oder wenigstens eine Operette..

27.1.07 00:51
 


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