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Vom Gemächte der Psychiater

Freud zu lesen ist eine schöne Sache. Er ist zweifellos der unbestrittene Anwärter auf den Titel des Dostojewski der wissenschaftlichen Literatur. Und: es ist ja so schön. Allen, in ihren verkümmerten Phallozentrismen schwer Erschütterten, gewährt er ungestrafte Freude an jovial vorgetragenen Herrenwitzen. Man sieht sie gleichsam vor sich, die gelahrten Herren Professoren, wie ihre Uhrketten sich schütteln vor lachen, wenn im Salon des Kollegen Charcot den Hysterischen ein Schwanzerl zur Kur angetragen wird.. mir jedenfalls gefällt das besser, als ein durchnittlicher Artikel im Falter über das mangelnde Engagement der Wiener Stadtregierung in Fragen des Gender Mainstreaming.

Dass sich bei Freud noch ein leidliches Quantum methodischer Naivetät findet, wird auch schon Leuten aufgefallen sein, die wesentlich gscheiter sind als ich. Da wird man wohl besser bei Ricoeur oder so jemandem nachlesen.

Nur so viel: die Doppelrolle des analytischen Prozesses, als Basis, wie Ergebnis der Theoriebildung, impliziert Reste eines positivistischen Vorgriffes und den ungebrochenen Glauben an die Souverenität des (wissenschaftlich) erkennenden Subkektes, an deren Grablegung die Psychoanalyse doch eigentlich großen Anteil hat. Freuds berühmte Kränkung betrifft, scheint es, weniger die Gemächte des Arztes und seiner empirisch fundierten Seelenmikroskopie, als viel mehr das dagegen methodisch sauber geschiedene Alltagsbewusstsein, wie es sich nach Ablage des weißen Mäntelchens gibt. Darin gründet wohl auch die eigentümliche Spannung, die zwischen den Konzepten der Psychoanalyse als methodisches Tool im Feld der Psychopathologie einerseits, und ihrer Rolle als holistischer Kulturtheorie andererseits immer zu bemerken ist.

Dabei fühlt man bei Freud ganz natürlich eine Nähe zu Husserl. Beide sind auf dem Wege, die „klassischen“ Voraussetzungen von denen sie ausgehen zu unterlaufen: Husserl, der für sich noch das Pathos der „strengen Wissenschaft“ in Anspruch nimmt, genauso wie Freud, mit seinem naiven Glauben an ärztliche Potenz. Der transzendentalen Epoche korrespondiert dabei der analytische Prozess – beides methodische Kunstgriffe, die ein „reineres“ Feld der Erkenntnis abstecken, das die ontologische Selbstgewißheit der geläufigen Wirklichkeit untergräbt, ohne dabei mit der Geschichtlichkeit des „phänomenologischen“ bzw. ärztlichen Ich in letzter Konsequenz ernst zu machen.

Dass es sich bei der methodischen Verkoppelung von „Theorie“ und „Praxis“ nicht um einen Zirkelschluß im logischen Sinne handelt, muss nicht erwähnt werden. Problematisch bleibt sie m.E. nur so lange, als ihre Rolle nicht positiv aufgenommen und die impliziten Paradeigmata klassischer „Gegenstandsontologie“ gesondert reflektiert werden. Ob ich Herrn Freud damit unrecht tue, werde ich wohl doch noch bei Gscheiteren nachlesen müssen..


3.2.07 10:48
 


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